Gedenkrede anlässlich des Todesmarschs ungarischer Juden zum Nachlesen

Gedenkrede anlässlich des Todesmarschs ungarischer Juden zum Nachlesen
Gedenkrede anlässlich des Todesmarschs ungarischer Juden zum Nachlesen

Sehr geehrte Damen und Herren!

Liebe Menschen gegen Gewalt und Zynismus!

Kontamination

Kontamination, auch Kontaminierung, (lateinisch contaminare ‚besudeln‘) bezeichnet eine Verschmutzung – lt. Wikipedia, Verunreinigung – lt. Duden.

2014 hat Martin Pollak mit „Kontaminierte Landschaften“ ein beeindruckendes Buch publiziert, in dem ersichtlich wird, wie sehr die NS-Zeit in unsere Geographie, in unser Land, wie hier auf diesem Friedhof, eingeschrieben ist.

Ich werde auf diesen Begriff noch zurückkommen. „Subtext“ ist ein zweiter Begriff.

 

Franz Josef Huber

Im STANDARD vom Wochenende 10./11. April 2021, 27 findet sich ein ganzseitiger Artikel über Franz Josef Huber, Chef der Terrororganisation „Gestapo-Leitstelle Wien“ von 1938-1944, u. a. verantwortlich für die Massendeportationen von Juden. Oben zwei Fotos: links Gestapo-Chef Huber mit 24 seiner Mitarbeiter in Nazi-Uniformen, rechts daneben fünf für die Deportation vorgesehene jüdische Wiener Mädchen. Für mich ist die Kombination der beiden Fotos etwas vom Grausamsten, das ich kenne. Ich habe in das Antlitz jedes einzelnen Gestapo-Mannes geblickt, 25 sind auf dem Foto, und immer wieder einmal nehme ich die Seite her und blicke die Männer an, 30 – 40jährige, und dann sehe ich die fünf jüdischen Mädchen, bereit zur Deportation … Das ist für mich unfassbar grausam! Und darum darf niemals mehr die NS-Zeit verharmlost oder mit ihr politischer Gewinn zu erzielen versucht werden.

 

KZ Wels II

Im November 2019 wurde das Messegelände als Ort des KZ Wels II durch den Historiker Florian Freund identifiziert. Von 25. März bis 13. April 1945 waren dort 2.000 Häftlinge untergebracht, die dann nach Ebensee gebracht wurden. Über 200 starben. Am 9. November 2020 wurde vom Bürgermeister und vom Messepräsidenten Hermann Wimmer ein Gedenkstein enthüllt. In einem Mail vom 24. November schreibe ich:

„Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrter Herr Wimmer! Ich habe das Bild der Gedenksteinenthüllung mit Ihnen zusammen mit BM Rabl auf dem Welser Messegelände in den OÖN, in den Tips und auf dem Video der Welser Messe gesehen. Es gefällt mir nicht. Wie geht das zusammen: Hermann Wimmer SPÖ und Andreas Rabl FPÖ im gemeinsamen Gedenken an die NS-Zeit? Sehe ich zwei Antifaschisten? Beim Gedenken muss man genau sein. Dies ist bei der Gedenksteinenthüllung nicht beachtet worden. Die Enthüllung und Würdigung ist also ungenau und damit nicht ausreichend substantiell. Die Zivilgesellschaft, NGOs und die Welser Antifa werden eine substantielle, genaue und angemessene Würdigung beim Gedenkstein durchführen, sobald dies Corona zulässt. Mit freundlichen Grüßen. Wilhelm Achleitner.“ Keine Reaktion Wimmers.

 

Nationalsozialismus in Wels

Der 4. Band von „Nationalsozialismus in Wels“ ist Ende November 2020 erschienen. Am 4. Jänner 2021 schreibe ich ein Mail an den Bürgermeister und an Stadtrat Johnny Reindl-Schwaighofer, die Herausgeber seitens der Stadt.

„Sehr geehrter Herr Bürgermeister, lieber Herr Stadtrat! Herzlich danke ich Ihnen für den 4. Band „Nationalsozialismus in Wels“, den ich bereits gelesen habe. „Die wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Geschichte der Stadt Wels ist ein wichtiger Beitrag“ (Stadtrat Johann Reindl-Schwaighofer), um sich „mit diesen dunklen Kapiteln unserer Stadt auseinander zu setzen“ (Bürgermeister Andreas Rabl). Zitate aus den Vorworten.

Eine Anregung: Die Stadt Wels möge einen Sonderdruck des Beitrags von Karin Bachschweller und Michael Kitzmantel „Die Todesmärsche ungarischer Juden durch Thalheim und Wels“ (161-178) erstellen, um diesen an alle, die sich ins Rechtsextreme neigen, zur Lektüre zu übergeben. Denn selbst nur ein „Narrensaum“ (© Manfred Haimbuchner), der mit der NS-Zeit sympathisiert, ist mit einer lebendigen, menschenfreundlichen Demokratie unvereinbar. Danke für den 4. Band und herzliche Grüße. Wilhelm Achleitner.“

Keine Reaktion, von einer Broschüre ist mir nichts bekannt.

 

März 2021 Die neue Venus

Und nun gibt es eine neue Statue mitten in Wels.

Die Originalstatue ist handgroß und von einem Gunskirchner Bauern auf einem Feld 1917 ausgegraben worden. „Nach dem Anschluss 1938 machten die Nationalsozialisten die Venus zum Kultobjekt – wohl, weil sie ihrem Rasseideal entsprach. Sie schufen nicht nur eine große Nachbildung der Statue, sondern auch mehrere kleine Nachbildungen. Mit der Übergabe von letzteren ehrte der Welser NS-Bürgermeister Josef Schuller verdiente Männer der Bewegung. “Der erste Empfänger war Hitlers Kampfgefährte Hermann Göring, damals Pate von Wels“, berichtet Günter Kalliauer, früherer Leiter des Stadtarchivs. Nach dem Krieg stand die Nachbildung im Messegelände. 2010 wollte der damalige FPÖ-Vizebürgermeister Bernhard Wieser die Figur vor dem Herminenhof aufstellen. Das scheiterte am Widerstand der SPÖ, ÖVP und der Zivilgesellschaft, der Antifa. ÖVP-Stadtrat Peter Lehner 2010: „Von meiner Seite wird es keine Zustimmung für eine Aufstellung auf öffentlichen Grund geben. Es darf keine neue Gedenkstätte für Ewiggestrige entstehen.“ Zehn Jahre später vollendet Andreas Rabl die Absicht von Bernhard Wieser und stellt die Figur nun im Zentrum der Stadt auf. Diese Venus ist NS-kontaminiert, auch wenn Rabl mit der Erklärung, die Statue sei keine Kopie der Kopie, sondern eine exakte und genaue Nachbildung der römischen Originalfigur, dies verwischen will. Doch es gibt den Subtext, der offensichtlich ist. Und es sollte möglicherweise damit die NS-Phantasie des germanisch-römischen Reichs evoziert werden.

Warum macht Andreas Rabl das? Nicht 2018, sondern fünf Monate vor der Wahl im September.

Sie alle hier haben dazu eine Erklärung. Manche sagen: Rabl hat den Wahlkampf mit dieser Provokation eröffnet. Jedenfalls: Rabl sucht einen Gegner, als Freiheitlicher braucht er dies, sonst entsteht kein Profil. Er hat offensichtlich in Wels keine ausreichend starken Gegner mehr.

Ich sehe aber noch einen weiteren Aspekt.

Warum lässt Andreas Rabl eine neue Venus gießen? Er hätte ja auch einen Wettbewerb zur Gestaltung eines Denkmals für den Todesmarsch in der Volksgartenstraße ausschreiben können. Nein: Nahe der Route des Todesmarsches der ungarischen, polnischen, rumänischen Juden blickt nun ein NS-Symbol aus Gunskirchen, ein NS-kontaminierte Figur, auf die Geschundenen, die nach Gunskirchen getrieben wurden. Wie nennen wir das? Gedankenlos, empathielos, die Opfer verhöhnend, eine Ungeheuerlichkeit?

Stellt der Bürgermeister mit der eigens fabrizierten Venus ein Lebensproblem aus, nämlich: sich aus der NS-kontaminierten Familiengeschichte, wie sie auch nicht wenige von uns haben, nicht befreien zu können, sie als Belastung mitzuschleppen, wie einen Sack?

Ein fixierter Wiederholungszwang kann solches und weitere „Einzelfälle“ hervorbringen, weil das Unbearbeitete, psychoanalytisch gesehen, wieder und wieder sich als friedloser Knoten zeigt und nach einer Präsentation sucht. Sollen wir uns in Wels mit einem ausgestellten, bronzevenusgewordenen Problem beschäftigen? Und gerade die Fixierung des Problems in einer Statue hält das Problem bronzern fest.

Zum Friedhof mit 1.030 toten jüdischen Menschen passt diese Figur überhaupt nicht!

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